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Mobilität

Das Leben im ICE: Mein Alltag als Zugchef auf der Schiene

Seit drei Jahren lebe ich im ICE und jongliere dazu meinen Vollzeitjob als Zugchef. Ein Bericht über die Herausforderungen und Freuden eines mobilen Lebens.

Julia Müller24. Juni 20264 Min. Lesezeit

Vor drei Jahren trat ich in einen Lebensstil ein, von dem viele träumen könnten – ich lebte im ICE. Ja, im Zug selbst. Als Zugchef bin ich nicht nur für die Ordnung und Sicherheit im Wagen verantwortlich, ich habe auch eine faszinierende Perspektive auf die Mobilität. Doch was bedeutet es wirklich, im Zug zu leben und gleichzeitig einen Vollzeitjob zu haben? Ist dieses mobile Leben wirklich so glamourös, wie es scheint, oder gibt es schmutzige Geheimnisse, die im Hintergrund lauern?

Die ersten Wochen waren eine Herausforderung. Der Umstieg vom festen Wohnsitz zu einem Leben auf Schienen war wie ein Sprung ins kalte Wasser. Morgens aufwachen und die Landschaft vorbeiziehen sehen, das hatte etwas Magisches. Die Alpen hier, die Flüsse dort. Doch was passiert mit der Intimität eines Zuhauses? Wo ist der Raum, um sich zurückzuziehen, zu entspannen, oder einfach mal zu kochen?

Klar, es gibt die Gemeinschaftsküche im Zug, aber die Vorstellung, mit zwei oder drei anderen Personen den gleichen Raum zu teilen, ist nicht immer idyllisch. Und wenn man bedenkt, dass ich mein Leben in einem fahrenden Hotel verbringen sollte, wurde schnell klar, dass ich meine Routine umdenken musste. Wie gestalte ich meinen Arbeitstag, während ich ständig unterwegs bin?

Ein Tag im Leben

Die Arbeit als Zugchef bringt eine Vielzahl von Aufgaben mit sich. Ich bin verantwortlich für die Sicherheit der Passagiere, die Überwachung der Fahrpläne und das Lösen von Problemen – alles während der Zugfahrt. Früh am Morgen, meist bevor die Sonne aufgeht, beginne ich meinen Tag. Ein kurzer Blick auf die Fahrgäste, ein paar schnelle Andeutungen zur Aufklärung über die Sicherheitsbestimmungen, und dann geht es auch schon weiter. Ich stehe in ständigem Kontakt mit der Zentrale und anderen Zügen, um sicherzustellen, dass jeder pünktlich ankommt.

Aber was passiert, wenn der Zug Verspätung hat? Das ist nicht nur ein logistisches Problem, es hat auch emotionale Auswirkungen auf die Reisenden. Ich sehe ihre Gesichter – die Ungeduld, den Stress. Es ist herausfordernd, die eigene Gelassenheit zu bewahren und gleichzeitig die Verantwortung für das Wohlbefinden der Passagiere zu übernehmen. Was denkt man über Zeit und Raum, wenn man physisch in Bewegung ist, aber emotional an einen Ort gebunden ist?

Ganz ehrlich, es gibt Tage, an denen ich mich frage, ob ich einen Fehler gemacht habe. Es ist nicht immer ein spannendes Abenteuer. Oft fühle ich mich wie eine Nummer, ein Teil eines riesigen Systems, in dem menschliche Interaktion zunehmend verloren geht. Wie steht es um die zwischenmenschlichen Beziehungen? Wo ist der Raum für echte Gespräche?

Manchmal, wenn ich abends in der ersten Klasse sitze, den Reisenden ein Lächeln schenke, werde ich daran erinnert, dass es auch schöne Momente gibt. Oft erhalte ich während meiner Schicht einen Einblick in die Geschichten der Menschen. Ein älterer Herr, der seine Enkel besucht, eine junge Mutter, die mit ihrem Baby auf Reisen ist. In diesen Momenten weiß ich, dass ich einen Unterschied mache, auch wenn ich mir über die Gänge der Züge hinweg bewege.

Einer der größten Herausforderungen bei dieser Lebensweise ist die Vereinbarkeit von Arbeit und Freizeit. Wenn ich nach einem langen Arbeitstag ins Bett falle, frage ich mich oft, wo das Entspannen anfängt und das Arbeiten aufhört. Ist es nicht seltsam, dass ich jeden Tag in einer anderen Stadt bin und doch kein richtiges Zuhause habe?

Viele denken, dass das Leben im Zug aufregend ist. Aber es gibt auch ernste Fragen. Ist der Zug eine Art Gefängnis? Wo bleibt die Vertrautheit des Alltags? Das ständige Reisen reduziert die Möglichkeiten, tiefere Verbindungen zu knüpfen. Ich sehe viele Gesichter, aber kann mir keinen Namen merken. Ist das der Preis für die Freiheit der Mobilität?

Ich style meine Kleidung für die Arbeit, achte auf meine Hygiene und versuche, auch in beengten Verhältnissen einen gewissen Komfort zu finden. Aber wie bequem kann es wirklich sein? Es ist ein ständiges Jonglieren zwischen den Anforderungen an die Arbeit und dem Bedürfnis nach einem normalen Leben.

Eines Abends, nach einer Schicht, saß ich am Fenster des Zuges und schaute in die Dunkelheit, die an mir vorbeizog. Die Lichter der Städte blitzten auf und verschwanden wieder. Ein Moment der Reflexion. Was ist der Sinn eines Lebens, das ständig in Bewegung ist? Ich fand keinen klaren Antworten, nur Fragen. Was bedeutet Heimat, wenn man nie bleibt? Wie viel Wert steckt in den Geschichten der Menschen, die man an einem Tag trifft, ohne sie jemals wiederzusehen?

Die Welt des Zuges öffnet viele Türen. Ich habe viel über Nachhaltigkeit gelernt und darüber, wie es ist, in einem System zu arbeiten, das sich ständig verändert. Aber ich bin auch skeptisch. Wie nachhaltig ist diese Lebensweise wirklich? Der Zug ist das Symbol von Fortschritt und Freiheit, aber ist er nicht auch ein Widerspruch, wenn man darüber nachdenkt, dass wir für Mobilität ein hohes Maß an Energie und Ressourcen aufwenden?

Ich mache eine Entscheidung für die Passion, die ich habe, für den Job, den ich liebe, und für die Freiheit, die das Leben im Zug mit sich bringt. Doch diese Freiheit hat ihren Preis. Das konstante Pendeln gibt mir keine feste Basis. Ich bezeichne es als ein „schwebendes Leben“.

In den letzten drei Jahren habe ich viel über mich selbst gelernt. Ich habe die Fähigkeit erforscht, flexibel und offen zu sein. Aber was passiert, wenn ich irgendwann aufhören möchte? Kann ich einfach aufhören, zu leben, wie ich lebe? Dinge stehen still, nur weil ich es so möchte, oder? Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich mehr von der Welt sehen möchte oder ob ich nach der intimen Ruhe eines Zuhauses sehne.

Das Leben als Zugchef ist nicht einfach, und es stellt den eigenen Lebensstil auf die Probe. Es gibt keinen einfachen Weg, die Balance zwischen Arbeit und Privatleben zu finden, wenn das Zuhause ständig in Bewegung ist. Manchmal frage ich mich, ob der Zug mein Zuhause ist oder ich nur ein Passagier, der seine Arbeit macht. Wo ist der Punkt, an dem wir aufhören, die Welt durch Fenster zu betrachten und anfangen, sie zu leben?

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